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April, 2019

Anger Begets Greater Anger

Weshalb «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri” (2017) ein Anti-Gewaltfilm ist

Im folgenden Essay wird der Film “Three Billboards Outside Ebbing, Missouri” aus einer medienethischen Perspektive beleuchtet. Der Text entstand im Rahmen des Moduls “Medienethik”.

«Und wer seinen Nächsten verletzt, dem soll man tun, wie er getan hat, Schaden um Schaden, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er einen Menschen verletzt hat, so soll man ihm auch tun.»

(LEVITIKUS 24:19-20, LUTHER BIBEL 2017)
image of the three billboards.

Auch wenn sich Mildred Hayes nicht als devote Christin bezeichnen lässt, ist der zitierte Bibelvers der Figur aus dem Film «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» wie auf den Leib geschrieben: Mildred möchte den Vergewaltiger und Mörder ihrer Tochter tot sehen. Nach sieben Monaten sind die Ermittlungen der Polizei immer noch ergebnislos. Um sie endlich zum Handeln zu zwingen, erwirbt Mildred drei Plakatwände.

Diese setzen im kleinen Südstaatenort Ebbing einen Teufelskreis von Gewalt in Gang. Was zuerst unheimlich düster und gewalttätig klingt, wird von Regisseur Martin McDonagh mit einer gewaltigen Prise von Ironie und Komik unterlegt. Der Film lässt sich mit dem eigenen Zitat «all this anger man, it just begets greater anger» (McDonagh 2017) am besten beschreiben. Paradoxerweise nimmt der Film jedoch, trotz der gewaltsamen Handlung, eine pazifistische Haltung ein.

Sloterdijk hat bereits 1994 (S. 15) festgestellt: «In-der-Welt-Sein heisst In-der-Gewalt-Sein». Das Gewaltphänomen ist ein Teil der Welt, genauso wie es Humor, Essen und Sex sind. Die Zuschauenden werden so oder so mit den Themen konfrontiert und es kann nicht an den Medien liegen diese zu ignorieren. Hausmanninger (2002, S. 312) geht noch einen Schritt weiter als Sloterdijk: «Nur wenn das Phänomen nicht kontrafaktisch geleugnet und verdrängt wird, lässt es sich überhaupt erst diskursiv und ästhetisch bearbeiten, kann es einer Domestikation unterworfen werden.»
Unterhaltungsfilme, die sich mit dem Phänomen der Gewalt auseinandersetzen und sie auch ästhetisch darstellen, ermöglichen auch eine Diskussion darüber zu führen. Wie oft ist es uns schon passiert, dass wir während einem gemütlichen Abend bei Freunden auf das Thema Filme zu sprechen kamen? Wie oft ergibt sich daraus eine lebhafte Diskussion, die sich dann vom eigentlichen Film entfernt und sich nur noch um das behandelte Thema dreht?

Eine Tatsache, die «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» als Anti-Gewaltfilm bestätigt, ist, dass der Film nicht dem üblichen Rachefilmplot folgt, obwohl Rache eines der Hauptmotive des Filmes ist. Ein üblicher Rachefilm ist nach der folgenden Drei-Akt-Struktur aufgebaut:

  1. Es gibt einen gewalttätigen Übergriff. Der Täter flieht. Entweder das Opfer selbst überlebt und schwört Rache oder es stirbt und einer der Hinterbliebenen, zum Beispiel der Sohn, gelobt den Ermordeten zu rächen.
  2. Der Rächer sucht den Täter und plant seinen Rachefeldzug.
  3. Der Rächer findet den Täter und nimmt seine Rache.

Die Zuschauenden sollen sich in den Protagonisten hineinversetzen können beziehungsweise die Notwendigkeit der Vergeltung verstehen, weshalb sie am Ende mit der vollzogenen Tat auch einverstanden sind. Als Beispiel für einen stereotypischen Rachefilm eignet sich «Lucky # Slevin» von Regisseur Paul McGuigan. Der Film durchläuft alle drei Akte: Slevins Vater wird ermordet, Slevin schwört Rache und beendet seinen Vergeltungsschlag in einem gewalttätigen Spektakel. Ende gut, alles gut.
Im Gegensatz dazu, setzt sich der Film «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» nur mit Akt II auseinander. Der Film beginnt sieben Monate nachdem Mildreds Tochter auf brutalste Weise ermordet wurde und überspringt somit Akt I. Mildred möchte den Peiniger ihrer Tochter bestraft sehen. Da der Täter unbekannt ist, fokussiert sich ihre Wut auf alle Männer, die Polizei und auf jeden der ihrer Vendetta im Wege steht.
Schlussendlich stösst der ehemalige Polizist Dixon auf einen Vergewaltiger. Es stellt sich dann zwar heraus, dass er nicht der Peiniger von Mildreds Tochter ist, dennoch hat der Mann Bestrafung verdient. Der Film kommuniziert subtil, dass sich die beiden Rächer auf den Weg nach Idaho machen werden, um den Vergewaltiger zu töten. Im Auto findet folgende Konversation statt:

Mildred:   “Dixon?”
Dixon:     “Yep?”
Mildred:   “You sure about this?”
Dixon:     “About killing this guy? [Pause] Not really. You?”
Mildred:   “Not really. [Pause] I guess we can decide along the way.”
(MCDONAGH 2017)

Der Film endet direkt nach diesem Gespräch und lässt die Zuschauenden innehalten. Hier wendet sich «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» vom üblichen Rachefilmplot ab. Die Zuschauenden werden fallengelassen, ohne dass es zur Vollendung der Vergeltung kommt. Wenn selbst die rachsüchtige Mutter einer ermordeten Tochter Zweifel hat, kann Rache dann überhaupt gerechtfertigt werden? Wird Rache Mildred helfen den Tod ihrer Tochter zu bewältigen? Oder eben auch nicht? Die Zuschauenden werden zum Nachdenken gebracht und müssen nun selbst über den Sinn von Vergeltung entscheiden.

Es ist wichtig, sich immer wieder vor Augen zu rufen, dass es einen Unterschied zwischen realer Gewalt und Gewalt im Film gibt. Gewalt im Film ist immer inszeniert und nachgestellt. Auf diese Weise kann filmische Gewalt heutzutage auch in eine tarantino-esque Kunst ausarten. Aus filmischer Gewalt kann Kunst werden, wenn sich die Gewalt vollständig vom Alltäglichen löst und nur durch den Bezug zum Plot und für die Entwicklung eines Genres inszeniert wird (Hross 2002, S. 143). Der Regisseur Quentin Tarantino ist das Vorzeigebeispiel für diese Art von Filmkunst. Tarantinos Gewaltdarstellungen sind Zitate aus bereits bekannten Filmen. Er setzt sie neu zusammen und würzt sie mit unerwarteten Wendungen im Plot. Diese Mischung ergibt für die Zuschauenden ein vollkommen neues Erlebnis. Dies ist nur möglich, weil sie verstehen, dass Gewalt im Film ein künstliches Phänomen ist (Hross 2002, S. 144).
Auch McDonagh spielt mit diesem Phänomen in «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri». Anders als Tarantino jedoch geht McDonagh noch einen Schritt weiter: Er stellt die Gewalt nicht nur als Kunst dar und spielt mit ihr, er hinterfragt sie auch. In einem Interview mit Yahoo Entertainment (2017) erklärt McDonagh, dass «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» eines seiner am wenigsten gewalttätigsten Werke sei. Im ganzen Film wird nur einmal ein Schuss aus einer Waffe abgegeben. McDonagh erklärt in dem Interview weiter: “But everything I’ve done is, at its heart, sort of anti-violence and questioning of it. At the same time I know that violence in stories is exciting, and certainly in the plays, there’s something kind of dangerous and interesting plotwise about using it. But I hope it’s never used for thrills or for effect. My sensibility is always anti it, anyway, and I hope that mostly comes through when we get it right. Like this certainly, I think, I feel like we get it right, and even like the whole sort of end sequence is about questioning all of those motivations for revenge and violence.”

Hross (2002, S. 145) stellt fest, dass Gewalt im Film mehrere Funktionen haben kann. Eine davon fasst er wie folgt zusammen: «Der Einsatz von Filmgewalt kann die thematischen Aspekte eines Films zuschärfen und den Zuschauer auf diese Weise zu einer Stellungnahme provozieren.» Damit ist gemeint, dass wir Menschen dazu neigen, unsere Welt in Gut und Böse, schwarz und weiss einzuteilen. Doch manchmal ist das nicht möglich. Wenn ein Protagonist dazu gezwungen wird, mit den Mitteln des Antagonisten zu kämpfen, zum Beispiel Gewalt anzuwenden, löst das eine provozierende Wirkung in den Zuschauenden aus. Sie werden dazu angehalten über eine Welt nachzudenken, in der es möglich ist, dass sich der gute Held seine Finger schmutzig machen muss.
In «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» findet eben diese Provokation der Zuschauenden statt. McDonagh hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Grauzonen der Figuren zu erkunden: Mildred, die zu Beginn vor allem eine trauernde Mutter ist, wird im Laufe des Films durch ihre Wut zu immer gewalttätigeren Handlungen getrieben. Schlussendlich begibt sie sich auf dieselbe Stufe wie der Mörder ihrer Tochter: Sie macht sich auf den Weg, um einen Vergewaltiger zu töten und bedient sich somit derselben Mittel wie der Antagonist. Dadurch, dass das gesamte Vorhaben in der Schlussszene wieder hinterfragt wird, werden auch die Zuschauenden dazu gezwungen, die Gewalthandlungen im Film zu reflektieren.

«Anger begets greater anger» (McDonagh 2017) beschreibt einen Teufelskreis der Gewalt. Sobald man mit dem Phänomen Gewalt in Berührung kommt, wird man immer weiter hineingezogen, es steigert sich und man kommt nicht mehr wirklich daraus heraus. «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» zeigt dies auf und eröffnet damit die Diskussion über einen realen Aspekt von Gewalt. Trotz des Leitmotivs der Rache folgt der Film nicht dem üblichen Rachefilmplot. Dieser Bruch der Gewohnheit und die Tatsache, dass die Protagonisten ihr Vorhaben selbst hinterfragen, verleiten auch die Zuschauenden dazu, dasselbe zu tun. Gewalt im Film mutiert derzeit zu einer Kunst. Bekannt dafür ist der Kult-Regisseur Quentin Tarantino. Anders als Tarantino, spielt Regisseur McDonagh in «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» zwar mit dieser Kunstrichtung, hinterfragt die Gewalt aber auch. Weiter werden die Zuschauenden dazu verleitet über den Film nachzudenken, weil sich keiner der Protagonisten klar als gut oder böse einordnen lässt. Aus diesen Gründen lässt sich schliessen, dass «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» eine pazifistische Haltung einnimmt.

Literaturverzeichnis

  • Hausmanninger, T. (2002b). Ansatz, Struktur und Grundnorm der Medienethik. Hausmanninger, T. & Bohrmann, T. (Hrsg.). Mediale Gewalt. Interdisziplinäre und ethische Perspektiven. (S. 287-314). München: Wilhelm Fink Verlag.
  • Hross, G. (2002). Die Funktion von Gewalt im Film. Hausmanninger, T. & Bohrmann, T. (Hrsg.). Mediale Gewalt. Interdisziplinäre und ethische Perspektiven. (S. 136-145). München: Wilhelm Fink Verlag.
  • Sloterdijk, P. (1994). Sendboten der Gewalt. Zur Metaphysik des Action Kinos. Fischer, R. & Sloterdijk, P. & Theweleit, K. (Hrsg.). Bilder der Gewalt. (S. 13-32). Frankfurt am Main: Verlag der Autoren.
  • Watkins, G. (15.11.2017) ‘Three Billboards’ director Martin McDonagh on Tarantino comparisons, telling off priests, and making an American hero of Frances McDormand. Yahoo Entertainment. (Abgerufen am 14.04.2019)

Filmografie

  • McDonagh, M. (Regisseur). (2017). Three billboards outside Ebbing, Missouri. United Kingdom: Blueprint Pictures.

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